Von Aufrührern, „Vetternwirtschaft“ und einem blutigen Frühstück

Einblicke in die Geschichte der Stadt Heiligenstadt

Von Thomas T. Müller

Für die Betrachtung der Geschichte Heiligenstadts sind der 3. Mai des Jahres 1525 und der 1. März des Jahres 1739 von besonderer Bedeutung. Warum dies so ist, sollen die nachfolgenden Zitate erläutern.

Sie stammen beide aus dem Jahr 1800 und wurden von einem bedeutenden Eichsfelder Chronisten, dem ehemaligen Heiligenstädter Jesuiten und späteren Nörthener Kanonikus Johann Wolf niedergeschrieben. Wolf, der gern auch als „Vater der eichsfeldischen Geschichtsschreibung“ tituliert wird, ist noch heute sehr bekannt und seine Arbeiten genießen hohes Ansehen. Sicher sind einige seiner Aussagen nach 200 Jahren etwas überholt, dennoch muß ihm die Ehre gebühren, daß er sich zeit seines Lebens an einen Grundsatz gehalten hat, der heute ebenso wie im 18. und 19. Jahrhundert aktuell ist. Im Vorwort seiner 1792 erschienenen „Politischen Geschichte des Eichsfeldes“ schrieb er: „Die erste und heiligste Pflicht des Geschichtsschreibers ist, so zu schreiben, wie die Sachen an sich sind, nicht wie sie einige sich einbilden oder wünschen.“

Wolf geht in seiner Geschichte der Stadt Heiligenstadt unter anderem auf die Geschehnisse des Bauernkrieges und ihren Einfluß auf die Stadt ein:

Am 2. Mai zog der große Mühlhäuser und Eichsfelder Bauernhaufen unter Führung von Heinrich Pfeiffer und Thomas Müntzer vor die Tore der Stadt, um hier sein Lager aufzuschlagen. An diesem Abend wurde nur der ehemalige Mönch des eichsfeldischen Zisterzienserklosters Reifenstein, Heinrich Pfeiffer zu Verhandlungen mit dem Rat eingelassen, erst am nächsten Morgen durfte auch Müntzer das Tor passieren. Was an jenem 3. Mai 1525 geschah, schildert nun Wolf:

„Am meisten war ihnen Münzer, der Feldprediger und General zugleich war, willkommen, dessen Predigt sie auf dem Kirchhofe u[nserer] l[ieben] F[rau], weil die Kirche nicht alle Zuhörer gefaßt hätte, sehr begierig anhörten. Hätte Münzer von der Liebe des Nächsten, auch seiner Feinde, von der Verläugnung seiner selbst, von dem Gehorsam gegen die Obrigkeit gepredigt: so würde er, wie andere, kaltsinnig angehört worden sein, da er aber Religion gegen die Obrigkeit, Haß wider den Priesterstand und Freiheit von Abgaben predigte: so wurden seine Zuhörer bald entflammt, und konnten kaum das Ende der Predigt abwarten, ihre Vorsätze auszuführen. Vom Kirchhofe ging der andächtige Zug auf das Stift; da plünderten Bürger und Bauern die Geistlichkeit; nahmen ihnen die Privilegienbriefe weg, und zwangen sie zu allen bürgerlichen Lasten. Aus den Kirchen wurden die Kleinodien entwendet; selbst der Gottesdienst wie auch die Ceremonien sollten theils abgeschafft, theils abgeändert werden.“

Wie hier zu erfahren ist, waren nicht nur Wertgegenstände Ziel der Plünderungen, sondern auch das „Archiv“ des Heiligenstädter Martinsstiftes wurde gefleddert. Wahrscheinlich gingen bereits bei diesem relativ spontanen Sturm auf das Stift neben den jüngeren Privilegienbriefen auch die älteren Urkunden des Stiftes und damit die der ältesten Heiligenstädter Institution verloren.

Die städtische Überlieferung wurde am 1. März 1739 ein Opfer der Flammen. Auch hier soll Johann Wolf zu Wort kommen:

Am 29. Februar 1739 verzehrte das Feuer einen Gasthof bei dem Bergthore. Dieser Vorfall war gleichsam der traurige Vorbote des schrecklichen Brandes, welcher am folgenden Tage beinahe die ganze Stadt in Asche legte. Das Feuer ist in der Windischen Gasse nicht weit vom Bergthore in einer Scheuer, man weiß nicht wie, aufgekommen, da der größte Theil der Bürger in der Brüderschaft von der Todesangst Christi genannt, versammelt war. Alles eilte herbei, das Feuer im ersten Ausbruche zu ersticken, aber vergebens. Denn ein heftiger Südwind kam dem gefräßigen Element zu Hilfe und trieb die Flammen mit Gewalt, an die nächsten Häuser auf der Neustädter Straße; von da flogen Funken in die Altstadt so häufig, daß, ehe eine Stunde verging, überall Häuser in Brande standen. Dies machte, daß nun jeder Bürger sein eignes Haus, oder wenigstens sein Hausgeräth zu retten suchte, folglich keiner dem anderen mehr helfen konnte. Zur Vermehrung des Unglücks drehte sich gegen 10 Uhr des Nachts der Wind von Westen auf Nordosten, und setzte von dieser Seite den bisher noch verschonten Theil der Stadt, bis ans Geisleder Thor auch in Flammen. Ihre Wuth war zu heftig, als daß die häufig herbeigekommenen Bauersleute derselben Einhalt thun konnten. Doch gelang es einigen beherzten Männern, die sich mitten durchs Feuer wagten, die Kirche zu u[nser] l[ieben] F[rau], welche auch schon ergriffen war, noch zu retten. Den anderen Morgen um 6 Uhr lagen 405 Häuser, nebst Scheuern und Stallungen in der Asche, nur die Windische Gasse, die Häuser am Bergthore über das Stift und den Knickhagen hin, bis an das Holzbrückenthor blieben stehen.“

Unter den zerstörten Häusern war auch das Rathaus der Stadt. In Wolfs Beschreibung wird dies zwar nicht explizit erwähnt, doch seine Vorlage geht darauf ein. Da Wolf selbst den Brand nicht miterlebte, mußte er auf den Bericht eines Augenzeugen zurückgreifen. Als Ex-Jesuit lag für den „Vater der eichsfeldischen Geschichtsschreibung“ natürlich nichts näher, als die Aufzeichnungen seiner Vorgänger im Heiligenstädter Kolleg heranzuziehen. So geht Wolfs Beschreibung wohl auf die sehr ausschweifende Ausmalung des Geschehens durch einen leider unbekannten Jesuiten zurück, der seine Erlebnisse in der Chronik des Heiligenstädter Jesuitenkollegs niedergeschrieben hatte. Bei ihm findet sich auch die Erwähnung des Rathausbrandes:

„Der Feind [gemeint ist das Feuer, Th. M.] wurde immer stärker und befahl allen, allen sage ich – wir waren bis zum Tode erschöpft und mehrere hatten auch schon schwere Brandwunden erlitten – gegen 12 Uhr nachts das Haus zu verlassen, durch die überall lodernden Brände zu gehen und Rettung zu suchen. Dann brannte das Rathaus – die Schule ging in Flammen auf, alles, alles geriet in Brand, schwankte, brannte ab und stürzte zusammen.“

Unter dem wenigen, was aus dem Rathaus, in dem sich die Urkunden der Stadt befanden, gerettet wurde, war das alte Heiligenstädter Stadtrecht, die Willkür aus dem Jahr 1335. Vielleicht lassen sich die wohl durch Abklatsch entstandenen heute unleserlichen Stellen in dem Band sogar auf Löschwasser zurückzuführen, mit dem das Feuer im Rathaus bekämpft worden war. Auch wenn Johann Wolf schon im Jahr 1800 von diesen Schäden berichtete, ist dies jedoch Spekulation.

Tatsache jedoch ist, daß aufgrund dieser beiden Ereignisse die Überlieferung zur Heiligenstädter Stadtgeschichte überaus dürftig ist. Für Untersuchungen zur Frühgeschichte des Ortes müssen ausschließlich auswärtige Quellen herangezogen werden.

Heiligenstadt, der Hauptort des ehemals kurmainzischen Eichsfeldes, einer Region zwischen Werratal und Harz, wurde im Jahr 973 erstmals urkundlich erwähnt. Kaiser Otto II. verhandelte in „Heiligenstat“ eine Urkunde über eine Schenkung an Bischof Abraham von Freising. Mit dieser Dotation begann eine Reihe von nachweisbaren Besuchen deutscher Kaiser und Könige in dem Ort an der Leine. So stellte auch König Otto III. im Jahr 990 zwei Urkunden in der Stadt aus. Für den 29. Mai 1153 und für den 1. Februar 1169 ist König bzw. Kaiser Friedrich I. (Barbarossa) in Heiligenstadt nachweisbar.

Ebenso wie diese Besuche sprechen auch die zahlreichen Aufenthalte deutscher Bischöfe – mindestens 18 zwischen 990 und 1300 – für die Bedeutung der Siedlung im Mittelalter. Insbesondere die Weihe Gerdags zum Bischof von Hildesheim sowie Burchards I. zum Bischof von Worms in den Jahren 990 und 1000 durch Erzbischof Willigis von Mainz sowie die Konsekration Burchard I. von Halberstadt durch Erzbischof Bardo von Mainz im Jahr 1036 untermauern die Stellung Heiligenstadts im 11. und 12. Jahrhundert als neben Erfurt wichtigstem Aufenthaltsort der Mainzer Erzbischöfe im heutigen Thüringen.

Die besondere Stellung der Siedlung wird aber auch durch die sehr wahrscheinlich im Juli 1093 hier erfolgte Provinzialsynode unter Leitung des Mainzer Erzbischofs Ruthard hervorgehoben. Ebenso sollte wohl der Besuch Kaiser Friedrich Barbarossas dessen Absicht demonstrieren, Heiligenstadt als wichtigen Kurmainzer Stützpunkt zukünftig mehr in seine reichspolitischen Pläne einzubeziehen.

Neben Heiligenstadt war die Burg Rusteberg für das Eichsfeld von besonderer Bedeutung. Von dort verwalteten die Mainzer Erzbischöfe nachweislich seit der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts ihren eichsfeldischen Besitz. Erzbischof Adalbert I. setzte im Zuge der Dezentralisierung seiner Territorialverwaltung auf dem Rusteberg einen Viztum ein. Erst 1540 wurde das Amt nach Heiligenstadt verlegt.

Zusammen bildeten Heiligenstadt als Hauptort und der Rusteberg als wichtigste Festung den Grundstock für den weiteren Ausbau der Mainzer Besitzungen im Eichsfeld. Doch erst im Jahr 1294 gelang es Erzbischof Gerhard II. mit dem Kauf der Burgen Gleichenstein, Scharfenstein und Birkenstein, den Mainzer Besitz weiträumig auf das Umland auszudehnen.

Heiligenstadt kam in den ersten Jahrhunderten seines Bestehens neben der politischen vor allem auch eine kirchliche Bedeutung zu. Die St.-Martins-Kirche gilt im Ursprung als das älteste Gotteshaus der Region. Während die Ersterwähnung des hier ansässigen Stiftes erst in einer Urkunde Kaiser Heinrichs II. im Jahr 1022 erfolgte, geht die Forschung nahezu geschlossen davon aus, die Gründung des Stiftes einige Jahrzehnte früher anzusetzen. Archäologisch nachgewiesen ist mittlerweile die Bedeutung des Stiftes zur Zeit des Erzbischofs Willigis, doch auch weit ältere Schichten wurden bei den Ausgrabungen des Thüringischen Landesamtes für Archäologische Denkmalpflege unter Dr. Wolfgang Timpel in den Grabungskampagnen der 1990er Jahre nachgewiesen.

Umstritten ist in diesem Zusammenhang die Existenz einer königlichen Pfalz in Heiligenstadt. So negiert der Marburger Pfalzenforscher Dr. Michael Gockel im Band Thüringen des Sammelwerkes „Die deutschen Königspfalzen“ das Vorhandensein eines ottonischen Königshofes in der Eichsfeldstadt. Er vermutet vielmehr die Existenz eines Herrenhofes der Mainzer Erzbischöfe, der auch zur Aufnahme der Könige diente. Tatsächlich wurde bei den Grabungen in der unmittelbaren Nähe der Kirche ein äußerst repräsentativer Bau entdeckt, der sogar eine direkte Verbindung zur Kirche aufwies. Einige bei den Untersuchungen freigelegte Funde (u. a. Schreibgriffel) deuten auf einen hohen Bildungsstand der Bewohner der prächtigen Anlage hin. Ob diese nun ausschließlich von Untergebenen des Mainzer Erzbischofs bewohnt wurde oder ob auch königliche Ministerialen hier einen wie auch immer gearteten Stützpunkt unterhielten, ist wohl nicht eindeutig zu klären.

Aufgrund der engen Verbindung zwischen den ottonischen Herrschern und insbesondere dem Reichskanzler und Mainzer Erzbischof Willigis erscheint aber auch eine solche Zwischenvariante denkbar. Vor allem dem Reichskanzler war viel an der Stadt gelegen. Jüngste Forschungen weisen in diesem Zusammenhang erneut auch auf ein Heiligenstadt zugeschriebenes Festtagslektionar aus dem letzten Drittel des 10. Jahrhunderts hin, welches sich heute in Aschaffenburg befindet. So wird vermutet, daß der in Fulda gefertigte Prachtband als Geschenk eines hochrangigen Vertreters der Kirche oder auch des Reiches an das Martinsstift geschenkt wurde. Doch mehr noch als dies stellen vor allem die beiden von Willigis in Heiligenstadt vorgenommenen Bischofsweihen ein Zeugnis für die Förderung der Stadt durch den Mainzer Erzbischof dar. Während die Weihe Bernwards von Hildesheim, die zeitweilig ebenfalls nach Heiligenstadt verlegt worden war, nicht im Eichsfeld stattfand, sind die Nachrichten über die Weihen Gerdags und Burchards durch Willigis für Heiligenstadt gesichert.

In einer Urkunde des Heiligenstädter Martinsstiftes aus dem Jahr 1201 wurde mit „Conradus nummularius de Heiligenstat“ der erste Münzmeister und damit auch erstmals eine Münzstätte im Ort erwähnt. Die erzbischöfliche Münzstätte war jedoch möglicherweise bereits in der Mitte des 12. Jahrhunderts tätig.

Während der Amtszeit des Mainzer Erzbischofs Siegfried II. erhielt der Ort vermutlich das Stadtrecht. Die jüngere Literatur ist mit wenigen Ausnahmen den Mutmaßungen Johann Wolfs gefolgt und gibt ohne jegliche Belege 1227 als Jahr der Verleihung des Stadtrechtes an. Weder urkundlich noch auf andere Weise läßt sich dieses Datum verifizieren. Fest steht allerdings, daß in der Amtszeit Erzbischof Siegfrieds II. (1200-1230) die grundlegenden Voraussetzungen geschaffen wurden, um der Altstadt mit dem Zentrum „St. Marien“ im Süden die Neustadt mit der Kirche St. Aegidien hinzuzufügen. Außerdem ließ der Bischof die Stadt durch Graben und Mauer sichern.

Die Informationen über diese Vorgänge beruhen zum größten Teil auf einer Urkunde Erzbischof Siegfrieds III. Dieser hatte im Jahr 1239 zugunsten des Heiligenstädter Martinsstiftes auf das Patronatsrecht über die Neustädter Kirche „St. Ägidien“ verzichtet, nachdem der Propst des Martinsstiftes sich darüber beschwert hatte, daß die neue Kirche, deren Patronat sich Erzbischof Siegfried II. vorbehalten hatte, ihm Einbußen beschere, da sich das Patronat der Marienkirche, welches dem Stift gehörte, bislang über die gesamte Stadt erstreckt hatte.

In jener Urkunde erklärte nun Siegfried III: „dominus Syffridus bone memorie archiepiscopus, predecessor noster in parochie dicte limitibus de novo construxerat villam quandam, nowum videlicet oppidum Heiligenstad, et nasci novam parochiam voluit in eadam“.

Herr Siegfried, seligen Angedenkens Erzbischof, unser Vorgänger, hat in den Grenzen des genannten Pfarrbezirkes eine gewisse Siedlung, nämlich die neue Stadt Heiligenstadt, neu errichtetet und beschlossen, daß in ebendiesem ein neuer Pfarrbezirk entstehen solle.“

Wenn nun also bereits von der Stadt Heiligenstadt gesprochen wurde, wird auch die Verleihung der Stadtrechte im Zusammenhang mit der Gründung der Neustadt erfolgt sein. Im Kontext mit den Stadtrechten ist es natürlich auch notwendig, auf die bereits erwähnte Heiligenstädter Willkür zu sprechen zu kommen.

Über die Entstehungszeit der Heiligenstädter Willkür gibt sie selbst in den ersten Zeilen Auskunft: „Wyr, di ratmanne disses iares, so men czelit noch Christi gebort millesimo CCC in deme XXXV. iare, syn eyntrechtig worden (...) umme der stat wilkor (...)“.

Ein einschneidendes Erlebnis für die zumindest dem Begriff nach noch fast vollständig katholischen Heiligenstädter wurden – wie oben bereits angedeutet – die Geschehnisse am 2. und 3. Mai 1525, als Heinrich Pfeiffer und Thomas Müntzer mit den Aufständischen vor der Stadt lagerten und sich unter ihrem Einfluß innerhalb der Stadttore Tumulte ereigneten.

In den Folgejahren schlossen sich auch zahlreiche Eichsfelder den neuen Lehren Luthers und seiner Prediger an, so daß selbst in der Hauptstadt des kurmainzischen Eichsfeldes, in Heiligenstadt, im Jahr 1560 lutherische Prediger ihr Handwerk versahen. Der moralische Verfall der Klöster tat ein übriges und erst nach einer Visitationsreise des Mainzer Erzbischofs Daniel Brendel von Homburg 1574, bei der er feststellen mußte, daß in ganz Heiligenstadt nur noch zwölf Familien dem alten Glauben anhingen, wurden ernste Maßnahmen zur Rekatholisierung der Region unternommen.

Die Hauptlast an dieser schwierigen Aufgabe kam den Mitgliedern des 1575 gegründeten Heiligenstädter Jesuitenkolleg zu. Daß diese ihre Arbeit sehr ernst nahmen, läßt sich nicht nur leicht an den vollständig erhaltenen Jahresberichten ersehen, sondern auch an dem heutigen prozentualen Verhältnis zwischen Katholiken und Protestanten im Heiligenstadt und dem Eichsfeld.

Neben ihrem gegenreformatorischen Wirken sind die Jesuiten in Heiligenstadt aber auch als Begründer eines traditionsreichen Schulstandortes tätig geworden. Aus ihrer Schule stammen zahlreiche bedeutende Gelehrte des 16., 17. und 18. Jahrhunderts.

Unter anderem zählen zu diesen:

Johann Melchior von Birkenstock (1738-1809), Diplomat in Wien, Paris und Frankfurt, Vertrauter Kaiser Josephs II. und Maria Theresias, Freund und Förderer von Clemens und Bettina von Brentano, Ludwig van Beethovens und des Historikers Johannes von Müller.

Konrad Wilhelm Strecker (1689-1765), Prof. der Rechtswissenschaften zu Erfurt, Erfurter Bürgermeister (1734) und Rektor der Erfurter Universität (1742-1746).

Johann Moritz von Gudenus (1639-1688), Jurist, Erfurter Bürgermeister und Rektor der Universität (1680-82).

Johann Christoph Hunold (1690-1770), Pfarrer, Kirchenrechtler, Regens des Prager Priester-Seminars, Rektor der Erfurter Universität (1758-59) und einer der Begründer des Erfurter Krankenhauses „St. Johannes Nepomuk“.

Bereits im Jahr 1583 konnten die Jesuiten in ihrem Jahresbericht frühe Erfolge ihrer Bildungsarbeit vermerken: „die ersten Früchte unserer Schule ernteten wir, als 4 Zöglinge Priester wurden und eine Pfarrei übernahmen und einige sich zu höheren Studien auf eine Universität begaben.“

Im Jahr 1626 raffte der „schwarze Tod“ acht Mitglieder des Kollegs und mehr als ein Drittel der Schüler dahin. Natürlich waren auch unter der Stadtbevölkerung zahlreiche Opfer zu beklagen. Allein im Monat September starben 200 Männer, Frauen und Kinder. Rund 600 Menschen waren bereits im Jahr 1611 der Seuche zum Opfer gefallen und weitere 1000 Einwohner erlagen ihr im Jahr 1682.

Fast ebenso schlimm wie die Pest wütete jedoch der Dreißigjährige Krieg im Durchzugsgebiet Eichsfeld und seiner Hauptstadt Heiligenstadt. Den ersten indirekten Kontakt mit diesem schlimmsten Krieg der frühen Neuzeit hatte das Eichsfeld im Jahr 1619, als zwei vertriebene Prager Jesuiten im Heiligenstädter Kolleg Zuflucht suchten. Um einiges näher war das Geschehen 1622 gerückt, als Herzog Christian von Braunschweig-Lüneburg, im Volksmund wegen seiner Brutalität nur der „tolle Christian“ genannt, das Eichsfeld heimsuchte. Vor allem das Untereichsfeld traf dieser Besuch hart. Heiligenstadt hingegen konnte sich durch die Zahlung von 2825 Talern von Einquartierungen freikaufen.

Die nächste Begegnung mit feindlichen Truppen erlebten die Heiligenstädter im Dezember 1631 als der schwedische Oberst-Lieutnant Georg von Uslar mit 1000 Reitern acht Tage im Eichsfeld lagerte. Als Beute konnte er ohne nennenswerte Gegenwehr 118 Pferde samt Wagen und Geschirr mit sich nehmen.

Ein Jahr später wurde der Oberamtmann des Eichsfeldes im Februar nach der Einnahme des zur Festung ausgebauten Duderstadts gefangengenommen und auf die Erfurter Cyriakusburg verbracht. Das Eichsfeld kam daraufhin an Herzog Wilhelm von Weimar. Im April ließ dieser zwei Kompanien unter dem Befehl der Rittmeister Heppen und Georg von Wenthen nach Heiligenstadt verlegen. Wie diese von kaiserlichen Truppen am 15. Mai aus der Stadt vertrieben wurden, beschreibt ein Augenzeuge nicht ohne Sarkasmus in den Jahresaufzeichnungen des Heiligenstädter Jesuitenkollegs:

Als also die Besetzung Heiligenstadts „beim kaiserlichen Heer in Einbeck bekannt wurde, - dieser befestigte Ort liegt in der Grafschaft Grubenhagen und ist ungefähr siebentausend Doppelschritte von hier entfernt, bestimmte es wohl den Oberst Maximilian Goltz von Kranz, Leute nach Heiligenstadt zu schicken, die mit diesen schönen Soldaten frühstücken sollten. Das wurde dann auch gründlich besorgt, denn beim Morgengrauen waren die Gastfreunde unerwartet da.

Und in der Tat konnte man ein Elend erleben: Der eine der beiden Rittmeister, der anwesend war und das Kommando hatte, ließ den Trompeter nur halb angezogen durch die Stadt laufen und das Signal blasen. Die meisten Reiter versammelten sich, um den feindlichen Gast abzuwehren, aber vergeblich: denn die Goltzianer saßen ab, fanden durch die Torspalten einen Bleihagel, um die Leute, die drinnen Widerstand leisteten, abzuwehren, bis andere die Torriegel erbrachen und sich einen Weg bahnten. Und so drangen Sie mit Geschrei ein und es entstand ein unglückseliges Blutbad, aus dem nur ganz wenige entkamen.“

Doch die kaiserliche Besatzung konnte sich in Heiligenstadt auch nicht viel länger als zwei Wochen halten. Nachdem der Handstreich in Weimar bekannt geworden war, wurde Graf von Löwenstein beauftragt, die Stadt wieder einzunehmen, was ihm schließlich im zweiten Anlauf auch gelang.

Was nun folgte, waren einige Jahre unter der Besatzung, verbunden mit verschiedenen Truppendurchmärschen und Plünderungen und Verhaftungen. Ab 1633 behandelte der Herzog Wilhelm von Weimar das Eichsfeld als sein Eigentum, welches ihm vom König von Schweden geschenkt worden war. So setzte er sogar eine „Fürstlich Sächsisch weimarsche uffs Eichsfeld verordnete Landesregierung“ ein. Statthalter wurde Christoph Friedrich von Essleben. Doch dieses Zwischenspiel dauerte nur bis zum August 1635, als das Eichsfeld im Zuge des Prager Friedens an den Mainzer Kürfürsten zurückgegeben werden mußte.

Im weiteren Kriegsverlauf erfolgten später erneut schwedische Besatzungen und die Stadt wurde allein im Jahr 1640 fünfmal geplündert. Im August 1647 machte General-Lieutnant Wrangel zwei Tage mit etwa 3000 bis 4000 Soldaten in Heiligenstadt Station und noch im Jahr 1650 hielt der hessische Rittmeister Aschenberg die Stadt mit einer Kompanie Reiter besetzt.

Was nach dem Abzug der letzten Soldaten übrig blieb, glich einem Scherbenhaufen. Heiligenstadts Bewohner waren von Krieg und Pest aufgezehrt. Es dauerte Jahre, bis wieder ein Aufschwung bemerkbar wurde. Ein deutliches Zeichen dafür, daß dieser jedoch zustande kam, war in den Jahren 1736-1738 der Bau des Heiligenstädter Schlosses. Ein besonderer Förderer des Eichsfeldes und der Stadt Heiligenstadt war Hugo Franz Karl von Eltz-Kempenich, der die Region als Kurmainzer Statthalter von 1732-1779 verwaltete. Als Neffe des Mainzer Kurfürsten wird er diesen Posten nicht zufällig erhalten haben, doch dieser Fall von „Vetternwirtschaft“ brachte für das Eichsfeld nur positive Aspekte. So wurde in der Amtszeit Hugo Franz Karls das Bildungssystem grundlegend reformiert und es entwickelte sich eine rege Bautätigkeit. Dies alles gelang jedoch nur durch den Einsatz hoher finanzieller Zuwendungen aus der Privatschatulle des Statthalters.

Einen schweren Rückschlag erlebte nicht nur die Bildung in der Stadt durch die Aufhebung des Jesuitenordens durch Papst Klemens XIV. am 21. Juli 1773. So erhielt der Rektor des Kollegs am 9. September 1773 vom Kommissarius des Eichsfeldes den Befehl des Mainzer Kanzlers, daß das Kolleg und die Schule geschlossen werden müsse. Bereits in der folgenden Nacht erschien der Mainzer Statthalter in Erfurt, Karl Theodor von Dalberg, morgens um 4 Uhr, um im Namen des Kurfürsten die Auflösung des Kollegs zu verkünden und dasselbe für den Staat in Besitz zu nehmen. Die Mitglieder des Kollegs wurden aufgefordert, sich in nur einer Stunde reisefertig zu machen, und danach vorläufig in den umliegenden Männerklöstern interniert.

Unter den 18 Männern, die von dieser Anweisung betroffen waren, befand sich auch Johann Wolf. Der bereits mehrfach erwähnte „Vater der eichsfeldischen Geschichtsschreibung“ war zuvor im Kolleg Professor der Poetik und sowohl Katechet als auch Beichtvater an der Kirche „St. Marien“ gewesen. Wolf gehörte zu den fünf Jesuiten, die für zwei Wochen im Zisterzienserkloster Reifenstein interniert wurden. Später ging er nach Nörthen, wo er Stiftsherr wurde und nach 1802 infolge der Inbesitznahme des Eichsfeldes durch Preußen und später durch den napoleonischen König von Westphalen auch die Säkularisation der restlichen Eichsfelder Klöster erleben mußte.

In die nun folgende preußische Herrschaft über das Eichsfeld fallen drei Begegnungen Heiligenstadts mit einigen bedeutenden Personen, neben Goethe, der auf seinen zahlreichen Reisen ja allerorts einkehrte, kamen auch die Gebrüder Grimm nach Heiligenstadt, um ihr die Herausgabe des Grimmschen Wörterbuches zu besprechen.

Heinrich Heine, Deutschlands großer Dichter und unbestritten auch einer der großen Satiriker, ließ sich am 28. Juni 1825 in Heiligenstadt evangelisch taufen.

Länger als all jene hielt sich der Lyriker und Novellist des deutschen Nordens, Theodor Storm, in Heiligenstadt auf. Als Kreisrichter wirkte er hier von 1856-1864. Hier entstanden acht Novellen und drei Märchen, u.a. 1861 die berühmte Novelle „Veronika“.

Um die Reihe der bedeutenden Heiligenstädter zu komplettieren sei noch auf den Bildschnitzer Timan Riemenschneider verwiesen, der in der Eichsfeldstadt das Licht der Welt erblickte.